Home Weltanschauliches Und selbst - keine Lust auf Seil? Einfach raus!

Und selbst - keine Lust auf Seil? Einfach raus!

Im Prinzip sind wir doch alle abgefüllt. Heute kam ein guter Freund zu mir: "Er wolle sich unbedingt einen neuen Wagen leisten! Der alte sei jetzt drei Jahre alt. Aber es jucke einfach, denn die neueren Modelle haben technische Finessen, die ihm keine Ruhe lassen." Oder ist das bloß ein Zeichen für einen ausgeprägten Spieltrieb? Ist das nur das in uns lechzende Tier, das keine Ruhe geben will und die Vernunft verscheucht wie einen bösen Dämon? Sind wir noch immer Ameisen, die tun, was die Gemeinschaft aus ihnen heraussaugt? Gib ihnen Brot und Spielzeuge, dann werden sie unter der Woche funktionieren wie Marionetten!

 

Wenn ich in mich höre, dann würde ich auch gerne aussteigen. Raus aus dem Alltagssumpf. Der Sommer verging wieder einmal ohne Urlaub. Dafür hatte ich etwas Eros. Die Folgetragödie ist noch wirksam.

Mein inneres Tier hält mich gehörig auf Trab. Die neuronale Gehirnanatomie läßt mir keine Ruhe. Kein Tag ohne wollüstige Blicke, kein Tag ohne innere Reason. Verkneifen und begrenzen, zurücknehmen und verzichten lautet die Devise. Während die Herren an den Börsen mit den Dollars herumjonglieren, betrachte ich leere Kassen und föne der biederen Lust des kleinen Mannes: Eis essen, Socken kaufen und über eine neue Hose nachdenken. Das Öl für den Winter muss noch bestellt werden und wird den Monatssalär in die Baisse treiben. Gedanken an ein neues Musikequippement erübrigen sich, weil die Vorsteuer noch nicht gezahlt ist. Die Außenstände sind hoch und die Zahlungsmoral niedrig. Die Not des Nachbarn ist mir dabei unbekannt, zumal die Frau schwanger ist und er in keinem nachlebbaren Urlaub verschollen war. Sie ist mir auch egal, denn ich kenne zu viele, die sich auf Madeira aalten und jetzt von Burnout faseln.

Auf Kassenkosten kuren gehen. Ein langes Seil für die erschöpfte Performance spannen. Wo gibt es Töpfe, die meine Erschöpfungsdepression nähren? Die Krankenkassen, Volkshochschulkurse und intellektuelle Komiker bedienen einen Markt der Grenzgänger, die sich täglich ans Limit fahren, um dann wochenweise auszusteigen - bemitleidet und beäugt von den Weiterarbeitenden. Wer über zwei Wochen fehlt, der ist urlaubsverdächtig - aber auf Kosten der Allgemeinheit. Wer nicht mehr taktet, der gilt als schlaff oder klever - nach Alter gestaffelt zurecht oder ohne Recht.

Burnout ist in aller Munde und Boreout ist ein Massenphänomen. Denn wer möchte noch verändern? Wer möchte noch für eine wichtige Sache einstehen? Wer hat noch Energie sich einzubringen - sich selbstlos zu geben für die Rettung dieser Welt?

Die Masse besteht aus Schafen, die der Herr weidet. Meine Affäre sprach auch von Schaf und geweidet werden. Da fühle sie sich wohl. "Der Herr lenkt und keiner denkt!"

Je blöder wir werden und je angepasster und wehrloser, je funktionaler und "chaploid" (frei nach Chaplins "Modern Times" 1936), umso besser für die Reichen dieser Erde. Denn unser Nutzungsgrad steigt. Sagte mir gestern ein Personalentwickler der Deutschen Bank: "Wir benötigen keine erfahren Mitarbeiter, wir benötigen junge, anpassungsfähige, die funktionieren!"

Ok, wir werden in 2036 wie vor 100 Jahren leben! Hirnschrumpf-Idioten, die sich hergeben für eine demoralisierte Arbeitswelt, die uns zu Sklaven eine pseudodemokratischen Oligarchie aus Politik und Wirtschaft gemacht hat.

Unsere neuronale Verfasstheit ist zu animal, als dass sie sich aus dem Joch des Triebsamen und Bedürftigen in die Spären der Autonomie befreien könnte. Zugeben würden wir es nie wieder. Und doch zeigt der Alltag, dass wir wie blöde Schafen den Zwängen des Gatters folgen.

Ich werde jetzt schlafen gehen, damit ich morgen Früh wieder als Trottel einer Gesundheitsindustrie funktionieren kann, die sich Milliarden mit Giftstoffen verdient, für deren offizielle Verschreibung es Leitlinien gibt, die mich knechten wie einen Fließbandarbeiter. Soll ich endlich aussteigen und meine Kinder zum Kartoffelklauen schicken oder soll ich weitermachen und nächtlich, hirnverbrannte Schriften produzieren?

Ich denke, dass ich weitergrasen werde, bis zum nächsten Scheren. Vielleicht hilft ja der bevorstehende winterliche Kälteschock, um neue Gedanken ins Wallen zu bringen.

Ach übrigens. Für sozial denkende Leser dieser Zeilen: Mir ist tatsächlich zu helfen.

Einfach diese Webadresse an alle Freunde und Bekannte schicken, bis ich 100.000.000 Zugriffe pro Tag erreicht habe. Ich werde dann einen Weg aus der Misere finden: Garantiert!

Und...vielen Dank schon mal für's Weiterempfehlen.

 
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