Home Weltanschauliches "Fußball, Fußball über alles!"

"Fußball, Fußball über alles!"

Heute eröffnete Südafrika mit dem ersten Tor gegen Mexiko die Fußball WM 2010. Milliarden Menschen drängen sich weltweit vor den Bildschirmen, um mitzuerleben, wie ein rundes Leder (es soll schon bessere gegeben haben!) in einem quadratischen Netz versenkt wird. Nur mein Nachbar mäht den Rasen. Der andere - gegenüber - spielt mit den Kindern Tischtennis....

 

Gelegenheit sich Gedanken über diejenigen zu machen, die sich nicht dem Fußballfieber hingeben oder die sich ihm NOCH NICHT hingegeben haben. Denn am Ende siegt das Virus über ganz Deutschland?

Nein, es gibt sie die Resistenten, die sich hartnäckig sogar gegen die Spiele der Deutschen Mannschaft wehren und die Zeit zum Jäten nutzen. Selbst meine Frau, die eigentlich nach jahrelanger Sozialisation wissen müsste, was sich gehört, stöhnt beim Gedanken an die zu erwartenden Fußballabende. Wegen der großen Kinder mache sie sich keine Sorgen, denn die seien ausgeflogen - zum Public Viewing - aber für die Kleinen: Ob das denn gut für die zarten Seelen sei?

Fakt ist, dass der Lärm von etwa 150 Dezibel unweigerlich zu otologischen Defiziten bei den anwesenden Zuschauern führen wird. Schon allein deswegen habe ich mir die Reise nach Südafrika erspart. Ich höre auf den rechten Ohr schlechter, seitdem mir ein Bundeswehrkamerad (ich nannte ihn damals einen "riesigen Vollidioten"!) ohne Dämpfer - den hatte er mit Fleiß abgeschraubt - das ehrwürdige G3 in der Wiese liegend direkt am Ohr vorführte. Seitdem wäre ich eigentlich mit meinem über die Jahre zunehmenden Tinnitus als schwerbeschädigt zu betrachten. Aber die Army hatte andere Sorgen - und ich auch. Deshalb jedenfalls bin ich jetzt gleichsam beschützt. Komme ich nicht in Versuchung mich in laut plärrende Menschenmassen zu begeben, vermeide ich Gruppenstärken größer fünf und verkneife es mir in Konzerte zu gehen, in denen Lautsprecher verwendet werden. Fußballstadien sind also tabu."What a happy man!"

Aber was machen diejenigen, die gesund sind, die sich dem Lärm aussetzen könnten, die sich in das Meer der Massen werfen könnten, sich aber dieser sozialen Notwendigkeit nicht hingeben können - warum auch immer?

Zuhause schmachten? Still vor sich hin leiden? Wochenlang ausharren und auf das Ende hoffen?

Nein, nicht an Widerstand denken! Gegen diese Mehrheit ist nichts zu gewinnen. Es gibt Contras, die nach eloquenter Rede den Freitod gewählt haben, weil sie erkennen mussten, dass hier nichts an Boden gutzumachen sein kann.

Hingabe ist das einzig brauchbare Mittel. Sich jetzt der inneren Regung widersetzen, sich jetzt autonom verhalten, sich jetzt von aller Vernunft lösen und mittuten. Das ist das Gebot der Stunde. Wer sich jetzt einlassen kann - und sei es im stillen Kämmerlein - dem soll geholfen werden, dem wird der Gott des Rundleders Nachsicht gewähren. Denn immerhin war er nur Zuschauer.

Von künftigen Generationen jedenfalls wird man mehr verlangen müssen. Passive Teilhabe wird dann nicht mehr genügen. Aktive Teilnahme wird dann eingefordert werden. Einmal die Woche zum Dienst erscheinen. Es gibt viele gemeinnützige Tätigkeiten rund um das Leder. Es gibt viele soziale Herausforderungen, vor allem wenn es um die Früherziehung resistenten Nachwuchses geht. Jeder kann in den kommenden zehn Jahren sein Missionswerk verrichten, um schließlich zum anerkannten Vollmitglied der Soccergemeinde zu reifen.

Nehmen wir die Fußball WM 2010 zum Anlaß diese neue Spiritualität für uns zu entdecken: Einfache Gesänge in großen und kleinen Arenen, ein klares weltweit gültiges Gottesbild und die Gewissheit, dass der nächste Fußball-Kirchentag - ähhh, die nächste Fußball-WM - wieder Milliarden von Menschen anlocken wird.

Nur ich werde wieder Zuhause bleiben und nur passiv teilnehmen. Aber mein Nachwuchs steht schon in den Startlöchern:

Wir planen erst einmal eine "PASSIV-WEIHE"!

 

 
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