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In Berlin korrupt werden

Seit drei Tagen bin ich aus beruflichen und privaten Gründen in Berlin. Hier erfahre ich alles. Zum Beispiel, dass meine Tochter noch Schulden bei Vattenfall hat und dass ich eigentlich zu pleite bin, um sie zum Frühstück einzuladen. Da tröstet es mich ungemein, dass Daimler und Siemens ihr Image offenbar mit Korruption erkauft haben. Mal eben 185 Millionen Euro über den Tisch reichen, damit die Amis wieder Ruhe geben und damit das Bild des sauberen Deutschen erhalten bleibt.

 

In realiter sind hier alle mehr oder minder korrupt. In der U-Bahn stehen sie scharenweise, diese zerlumpten und ausgemergelten Gestalten, die nach einer kostenlosen Tageskarte fragen, um sie dann für zwei Euro an einen Bedürftigen weiterzuverkaufen, der sich keine für ganze sechs Euro leisten mag. Hier fahren sie, die angeblichen Schüler und Studenten, die einen Bekannten bei den Verkehrsbetrieben vorweisen können, welcher ihnen wiederum Ausweise beschafft, mit denen sie sich die Monatskarten leisten können. Hier blüht die Korruption im Kleinen und im...

Nein, die Großen sind nicht wirklich korrupt, denn wenn sie erwischt werden, dann zahlen sie einfach und vor allem schnell. Damit das Image nicht zu sehr leidet. Aber nebenbei: Ein großer Konzern kann sich erst dann wirklich groß nennen, wenn er irgendeine Affäre vorzuweisen hat. Etwas mit Korruption und Betrug, mit Schieberei und Bestechung, jedenfalls irgendetwas, das deutlich macht wieviel Geld die Mitarbeiter verdient haben, und wieviel man davon übrig hat, um dann eine Prestigesumme an die Öffentlichkeit weitergeben zu können, die als "Lösegeld" und gleichzeitig als Nimbus eigener Potenz präsentiert wird. Korrupt sein ist in. Korrupt sein muss man sich nämlich leisten können oder dafür wirklich bezahlen.

Die kleinen Pupser bezahlen tatsächlich, wenn sie erwischt werden. Sie bezahlen mit dem Letzten oder mit Nichts. Am Ende haben sie jedenfalls immer gänzlich leere Taschen. Die Großen bezahlen aus der Portokasse, die primär von den Kleinen verdient worden war...

Wenn das jetzt keine Geschichtsklitterung ist...frei nach Engels und Marx.

Nein, wir wollen hier keinen Kommunismus predigen, denn der Mensch ist nur glücklich, wenn er etwas reicher als sein Mitmensch sein kann - so jedenfalls meint das eine gerade eben erst veröffentlichte Studie festgestellt zu haben (ich habe die Quelle - für 59 Euro bei mir zu erfahren). Wenn es gelingt - egal ob mit Korruption oder ohne, mit Doping oder ohne - reicher zu sein, dann ist das Glück viel näher.

Damit wäre der Besuch in Berlin wieder einmal sinn- und erkenntnisreich abzuschließen. Ich werde weiterbaggern und auf ethisch heeren Pfaden meine paar Flöhe verdienen, während im Lande die Korruption tobt und die Betrügerei Hochfest feiert. Wenn das nicht schon immer so gewesen ist, dann habe ich mit meiner "Moralisiererei" den Berg der ewigen Weisheit nur insofern erklommen, als Besserwisserei wohl auch glücklich macht, glücklich ohne Kohle. Ob ich deshalb glücklicher als ein Spekulant bin, ist nicht ganz klar, denn vielleicht spekuliert ja jeder auf seine Weise!?

 

 

 
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