Der Papst und die Piraten
Es ist nicht eindeutig zu klären, ob der Zusammenhang hier jetzt ein politischer oder ein weltanschaulicher ist. Immerhin ist der Papst das Staatsoberhaupt des Vatikans. Gerade deshalb erlaube ich mir einen politischen Hintergrund zu vermuten, wenn er im Deutschen Bundestag spricht und die Abgeordneten auf ihre moralischen Pflichten aufmerksam macht. Ich fand es super gut, dass da endlich jemand den Mumm aufbringt und die Abgeordneten nicht nur als Mehrheitsbeschaffer in Parteidiensten erkennt, sondern als Individuuen, die freie Entscheidungen treffen (könnten) - wirklich!.
Sagen wir, es war wirklich eine Art Sensation, dass ein Pope trotz seines fortgeschrittenen Alters in der Lage ist so klare Worte zu produzieren. Daran sollte sich mancher Mitsechziger und mancher Frührentner ein Beispiel nehmen. Professorale Sätze, die keiner verstehen muss und die schon gar niemand wirklich braucht in einem Bundestag, der fast vor Leere gähnte, weil die linke Abteilung für Palästina Daumen drückte.Jedenfalls ist er jetzt endlich da und hält Messen selbst in evangelikalen Hochburgen wie Erfurt, hält Maulaffen feil für eine sich nicht so schnell erneuernde und keineswegs anpassende Kirche, aber vor allem für eine Kirche, die alles richtig macht und weltweit wächst, weil die Kondome in Asien keine Jesus-Kreuze tragen dürfen.
Seit Wochen träume ich den gleichen Traum vom Kirchen-Marketing: Gebe mir die Chance bereits die Babys mit unilogischen Taufritualen tränken zu dürfen. Lass mich in den Kindergärten unilogische Zeremonien veranstalten und lasse es zu einem Gesellschaftskonsens werden, dass die von niemandem merkbaren 10 Gebote von 7 praktisch brauchbaren unilogischen Prinzipien abgelöst werden. Erlaube mir in den Schulen die Sieben weltweit vertretbare ethische Leitsätze zu lehren und gestatte mir das Volk davon zu überzeugen, dass diese Leitsätze wahr sind, weil ihnen ein Geist innewohnt, der sie wahrhaftig macht.
Die Kirchen haben bundesweit über 15.000 Werbeträger (Priester) in vielen Hunderten Werbeeinheiten (Gemeinden) und Tausenden von lokalen Werbestationen (genannt Kirchen). Sie erhalten ungebremsten Zugang zu unserem Nachwuchs, singen mit ihnen Lieder und diktieren ihnen benotete Sätze ins Gehirn bis sie darüber zu fabulieren beginnen. Die Psychedelik der Religionen ist im demokratischen Alltag Kulturbestandteil. Die gleichberechtigte Präsentation alternativer Vorstellungen scheitert an der Einbettung des Einzelnen in soziale Rollenmuster, die eben durch die Kirchen geprägt werden dürfen.
Wenn jetzt die Piraten darauf aufmerksam machen, dass die Konvention bis zum Erbrechen spießig erscheint und dass wir uns auf alternative Formen sozialen Handeln besinnen könnten, dann halten sie damit die Hand in ein Wespennest und dürfen jetzt die zornige Gegenreaktion der gesättigten Bewohner erwarten. Trotzdem zeigt der Einzug der Piratenpartei ins Berliner Stadtparlament, dass die Jugend sich nicht mehr mit altbackenen Sprüchen von Gestern zufrieden gibt. Sie stellt alte Fragen neu und erwartet neue Antworten. Sie experimentiert und rebelliert - einfach so ohne rationale Ideologie. Sie ist naiv und wird am Pragmatismus des Alltags brechen wie die Grünen vor 30 Jahren. Und dann kommt vielleicht eine neue Bootserie auf den Markt: Wie wäre es mit Schnellbooten!?


